Theaterlust in Ostwestfalen

Detmolds neuer Intendant Kay Metzger kennt sich gut aus mit einem Theater, das geistig und körperlich mobil sein muss. Er hat zuvor das Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt/Quedlinburg geleitet. Er ist Praktiker, der erst die Bedingungen vor Ort genau analysiert und dann überlegt, wie er seinen eigenen Stil prägend ansetzt. (...) Kay Metzger hat keinen radikalen Schnitt gesetzt, sondern will das Ensemble langsam umbauen und Stützen des Hauses weiter beschäftigen. (...) Die Regiehandschrift Kay Metzgers wird in seinen ersten beiden Operninszenierungen bereits deutlich, obwohl die Stücke sehr unterschiedlich sind. Sowohl Umberto Giordanos „André Chenier“ als auch Mozarts „Don Giovanni“ sind spannend und klar erzählte Geschichten mit hintergründiger Ironie. (...) Es ist beeindruckend, was für ein Sänger--ensemble in Detmold versammelt ist. (...) Die Bühnenbilder in Kay Metzgers Inszenierungen sind einfach, aber extrem wandelbar. Für „André Chenier“ hat Michael Engel einen zweistöckigen Raum gebaut, der selbst Theatercharakter hat. Von der Galerie aus verfolgt der Chor die Feier des in Auflösung begriffenen Adelsstandes, das Liebesleid der Protagonisten, das Chaos der französischen Revolution. Im „Don Giovanni“stehen drei verschiedene hohe halbrunde Wände auf einer Drehbühne und setzen sich zu immer neuen Spielorten zusammen. (...) Ganz selbstverständlich oszilliert die Inszenierung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Durch die unaufdringliche Aktualisierung wird dem Stück nichts genommen, im Gegenteil, es entsteht ein großer Assoziationsreichtum. Gleich zu Beginn steht eine fast nackte, schöne Frau auf der Bühne mit einer venezianischen Karnevalsmaske, wie man sie aus dem Film „Eyes Wide Shut“ kennt, Stanley Kubricks Reise in die Abgründe der erotischen Begierden. Im Kino wird so eine Frau zur Erlösungsfigur für Tom Cruise, auf der Bühne bringt sie Don Giovanni den Tod. Aber auch wenn man die Parallele nicht versteht, vermittelt diese stumme Figur eine eigenartige Atmosphäre des kühlen Begehrens. Sie tauch noch einmal auf, in Don Giovannis Cavantine am Beginn des zweiten Aktes, die er für eine Frau singt, die gar nicht im Stück vorkommt. Da scheint sie plötzlich die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren zu verkörpern, nach einer Frau, die dem Verführer nicht gleich willenlos in die Arme fällt. (...) Die Stimmung im Landestheater nach dem „Don Giovanni“ ist zufrieden bis schwärmerisch. Detmold hat ein begeisterungsfähiges Publikum und Abonnenten, die auch unter der Woche nachmittags ins Theater gehen. In dieser Theateroase lässt sich gut arbeiten. Metzger und sein Team werden dafür sorgen, dass die Phantasiequelle nicht versiegt.

Stefan Keim, Die Deutsche Bühne 1/2006

Weltliteratur mit Drehung

Mit schöner Leichtigkeit, dabei geradezu choreografisch ausgefeilt, arrangierte der regieführende Intendant Kay Metzger eine virtuose Typenkomödie. Das brillante Bühnenbild von Petra Mollérus akzentuierte das im Stück mehrfach angesprochene Spiegelmotiv und ließ die handelnden Personen auf stark angeschrägter Spielfläche balancieren, taumeln und purzeln. Mit Spiellust und begabtem Stimmvermögen agierte ein durchweg blutjunges Sängerensemble mit dem großformatig aufprotzenden Tenor Johannes Harten als Chlestakow. Dazu kam der Stadthauptmann, der in der Verkörperung von Andreas Jören in jeder Sekunde närrisch präsent war, und das hochkomische Dick-und-Doof-Frauengespann der mütterlichen Brigitte Bauma und der quirlig-nymphomanischen Tochterfigur Kirsten Höner zu Siederdissen. Der verfinsterte kollektive Schlusstanz lenkte die Darstellung dann auf das Hintergründige des Klebe‘schen Happyends. Ein paar Minuten mehr Musik wären an dieser Stelle denn doch vom Partiturschreiber erwünscht gewesen, ein kühnes Aufreißen der wohlproportionierten Beschränkung, ein Mehr an abgründig ziehendem Blei fürs altersschwerelose Federgewicht.

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau, 14. April 2008

Der Kontrakt des Oligarchen

Etwas ist anders als sonst. Nicht allein liegen die Rheintöchter dort drunten, auf dem Grund des ruhenden Flusses, sondern als Teil einer Art Jeunesse dorée, die sich müßig dem Tag entgegenräkelt, nicht wissend, welch Ungemach droht. (...) Von Beginn an wohnt der Insznierung von Kay Metzger im Landestheater Detmold (nach der gelungenen „Walküre“ wird damit der zweite „Ring“-Abschnitt gegossen) ein Zauber inne, der obschon er zur harschen Sozialkritik sich wendet, doch die aparte Seite der „Rheingold“-Geschichte und -Partitur nie aus dem Sinn verliert. Es besitzt Charme und Witz, wie Metzger seine Figuren dazu bringt, ihre Gedanken respektive Gefühle abseits des Mystisch-Mythischen ohne Schonung darzulegen. Das Göttiche erscheint hier nur als Zitat, zuweilen gar nur als Parodie. Auch die Idee, das Ganze in die Welt des Absolutismus zu verlegen (Ausstattung: Petra Mollérus), leuchtet ein. (...) Das Glück für den Abend liegt darin, dass Metzger nicht den (leichten) Fehler begeht, dies in moralischer Manier zu offerieren. Er schaut den Menschen, zuweilen auch leicht amüsiert, bei ihrem Tun zu, kehrt ihr Innerstes nach außen, wo es im Licht der Anschauung mal glitzert und mal nicht. Das Böse existiert ebenso wenig oder viel wie das Gute; beides brodelt subkutan und drängt manchmal an die Oberfläche. Nur die Rheintöchter haben davon wenig. Als die Götter über einen Steg hinauf zur Burg schreiten, bildet das Trio, als Teil der nun geknechteten Schar der Schönen, den Brückenpfeiler.

Jürgen Otten Opernwelt 7/2008

Wenn Fafner anruft

Kay Metzgers „Ring“-Konzeption lässt sich als eine Geschichte der Macht beschreiben, festgemacht an historischen Wendepunkten: „Das „Rheingold“ spielt zur Zeit der französischen Revolution – Bürger Alberich stürzt das „Ancien Régime“ der Götter. Der erster Weltkrieg markiert in der „Walküre“ den Übergang zur Moderne. „Siegfried“ ist nun im Jahr 1968 angekommen und thematisiert das Aufbegehren der Jugend gegen die Generation der Väter (...). Kay Metzgers Gesamtkonzeption mit ihrer großen historischen Perspektive ist durchaus originell und zeitigt auch ganz neue Bilder, so etwa seine Darstellung des Fafners als wohlstandverwahrlosten Besitzbürger: Im properen Einfamilienhäuschen hütet er seinen Besitz, die Kommunikation mit der Außenwelt läuft übers Telefon, Störenfriede erwartet ein unter der Bettdecke verborgenes Maschinengewehr.

Ingo Dorfmüller Opernwelt 5/2009

Der Ring, der rollt

In Detmold ist tatsächlich ein Ensemble zu bestaunen, dem das Zwei-Ränge-Haus akustisch wie angegossen passt. Mit Erich Wächter dirigiert ein Wagner-Spezialist, der den „Ring“ (Lessing-Fassung für 60 Musiker) schlüssig und flüssig in Gang bekommt, wie der Verfasser es jahrelang nicht erlebte. Selbst die Inszenierung mistet durch kammerspielhafte Dichte und magritteske Surrealität den „Ring“-Stall vorzüglich aus. An die Stelle mythischer Allgewalt tritt eine „Ring“-Parabel von erzählerischer Direktheit. Ein Glücksfall in jedem Punkt. (…) Wer glaubt, „Ring“-Aufführungen in der Provinz seien ein Luxus jüngerer Vergangenheit, irrt mithin. Auch Metzger, geboren 1960 in Kiel, kann als Everding-Schüler über Coburg und das Nordharzer Städtebundtheater im Jahr 2005 nach Detmold. Der „Ring“-Ruhm, wie man oft vergisst, ging nicht von den Metropolen aus (jeder Bayreuth-Besucher weiß es). Die Vielzahl kleiner Wagner-Vereine zeugt heute noch vom Weg Wagners durch die Wüste.